Immer wieder finden Sie Kritik hier auf dieser Seite, zuletzt am Digitalen Zwilling der Stadt Wiesbaden. Aber gibt es auch was Positives? Kann man einen solchen Digitalen Zwilling auch vernünftig bauen? Oder schreibe ich auf diesem Blog nur (möglichst) vernichtende Kritiken? Also habe ich mich umgesehen, wie andere Städte einen Digitalen Zwilling bauen. Und hier zeige ich Ihnen dies an 3 Beispielen.
Etteln
Dies ist eine kleine Gemeinde in Westfalen mit etwa 2.000 Einwohnern, Wikipedia hat einige Informationen zu diesem Ort: Etteln.Folgende Nachricht führte mich zu diesem Ort:
Wer im Ortsteil Etteln der Gemeinde Borchen ein Auto braucht, bekommt es von der Gemeinde. Zumindest kann man sich dort einen siebensitzigen Elektrokleinbus leihen – kostenlos! Auch ein E-Lastenrad können sich die Einwohner gratis borgen. Buchbar sind die Fahrzeuge über die App des Dorfes. Diese dient auch als digitaler Marktplatz und Kommunikationsplattform. Außerdem profitieren die Ansässigen von einem Stromtarif, der immer 30 Prozent günstiger ist als der Preis für die Grundversorgung.
Quelle: Das digitalste Dorf der Welt liegt in Deutschland vom 18. September 2025 in Golem
Das digitalste Dorf der Welt? Der ganzen Welt? Und das in Deutschland? Wie kommt man zu dieser Aussage? Dazu gibt es folgende Beschreibungen:
Bei soviel Euphorie möchte ich doch noch eine zweite Meinung hören:
Es gibt auch eine eigene Internetseite dazu: Digitaler Dorf Zwilling Etteln.
Zum Projekt Digitaler Dorf Zwilling schreibt die Gemeinde:
Projektinhalte
In dem geförderten Projekt werden 5G-basierte Anwendungen aus dem städtischen Umfeld adaptiert und erfolgreich in ländliche Regionen übertragen. Auf einer Open Data Plattform werden alle digitalen Insellösungen zusammengeführt. In Verbindung mit einem virtuellen Modell des Dorfes Etteln entsteht ein digitaler Zwilling.
Mehr zum Projekt erfahren Sie unter www.didoz.de.
Projektziele
Ziele des Projektes sind die Verbesserung der Lebensqualität der Bürger:innen, die Steigerung der Attraktivität des Dorfes Etteln und die Reduzierung der kommunalen Kosten. Die Erfahrungen und Lösungen aus Etteln werden im ersten Schritt den anderen Ortsteilen der Gemeinde Borchen als Blaupause zur Verfügung gestellt. Weitere ländliche Regionen sollen bundesweit folgen.
Quelle: Digitaler Dorf Zwilling (DiDoZ) Etteln
Schauen wir uns den Digitalen Zwilling doch einmal an. Hier finden Sie diesen: Digitaler Zwilling der Gemeinde Etteln. Ah, der gleiche Anbieter, die gleiche Technik wie in Wiesbaden. Und man findet auch nach kurzem Suchen die gleichen Probleme wie in Wiesbaden.
Naja, wenn das das digitalste Dorf der Welt sein soll .....
Wobei diese Lösung nicht nur aus der Internetseite mit der Darstellung der Gemeinde besteht. Dazu gehört u.a. auch die Eigeninitiative bei der Verlegung von Glasfaser ("Leerrohre für Glasfaser verlegen? Machen wir nicht." lautete die Aussage bei entsprechenden Diskussionen in Wiesbaden. Immer.). WLAN im Ort, Batterie für die lokal erzeugte Strommenge, Sensoren für diverse Werte, die dann auch allgemein abrufbar sind, da kommt mehr dazu als nur ein Digitaler Zwilling. Damit ist Etteln schon ein Stück weit anderen Kommunen voraus.
Darmstadt
Auch Darmstadt hat einen Digitalen Zwilling, den Sie hier finden: Darmstadt 3D.In der FAZ fand ich einen Bericht dazu:
DARMSTADT 3D-Modell mit allen Gebäuden
Die Stadt Darmstadt erschafft sich einen digitalen Zwilling. Der erste Schritt dazu ist schon getan, die Stadt hat ein Modell erstellen lassen, das im Internet abrufbar ist (https://3D.darmstadt.de). In Zukunft sollen dem Modell, nach Angaben der Verwaltung, noch weitere Informationen hinzugefügt werden, zum Beispiel Angaben zum Energieverbrauch und Klimadaten.
Quelle: Digital durch Darmstadt fliegen in der FAZ vom 9.12.2025 (Paywall)
Hier finden Sie diesen Zwilling: Darmstadt 3D. Und so schaut dies aus:
Das schaut doch schon mal gut aus. Und vergleichen Sie dieses Bild bitte mit den entsprechenden Bildern vom Biebricher Schloss im Wiesbadener Digitalen Zwilling, zu finden hier. Allerdings gibt es auch im Darmstädter Zwilling Bilder mit kaputten Häusern (sog. Artefakte), aber man muß sie ziemlich suchen. Im Wiesbadener Modell sind sie offensichtlich, im Darmstädter Modell müssen Sie genauer hinsehen.
Von Darmstadt gibt es jetzt ein aktuelles, volltexturiertes, dreidimensionales Stadtbild. Wie die hessische Kommune mitteilt, wurde Darmstadt 3D vom städtischen Vermessungsamt erstellt. Es basiere auf Luftaufnahmen, die im März 2025 angefertigt wurden sowie Laserscandaten aus dem Jahr 2019. Das maßstabsgetreue Modell bildet das gesamte Stadtgebiet in hoher Detailtiefe ab, heißt es von Seiten der Kommune. Es umfasst Gebäude samt Dachformen, Straßen, Bäume und Geländeformen sowie hochaufgelöste, ortsbezogene Luftbilder. Ergänzend ermöglichen Schrägluftaufnahmen aus allen Himmelsrichtungen einen Blick aus der Vogelperspektive. Der Zugriff erfolgt barrierefrei über gängige Webbrowser.
Quelle: Darmstadt 3D Grundgerüst für Urbanen Zwilling
Eine Anwendung des Digitalen Zwillings möchte ich Ihnen zeigen:
Starkregengefahrenkarten Darmstadt
Um die potenzielle Gefährdung durch Starkregen zu ermitteln, wurden im Auftrag des Amts für Klimaschutz und Klimaanpassung der Wissenschaftsstadt Darmstadt Starkregengefahrenkarten erstellt. Die Karten wurden durch das Darmstädter Büro Dahlem Beratende Ingenieure erzeugt und durch das Vermessungsamt als Onlineanwendung aufbereitet.
Quelle: Darmstadt 3D Starkregengefahrenkarte
Und so sieht die Sache mit dem Starkregen im Darmstädter Zwilling aus:
So kann sich jeder Hausbesitzer und jeder Mieter ansehen, ob er nasse Füße bekommt bzw. Wasser in seinen Keller eindringt, wenn es einmal heftig regnet. Hier im Blog hatte ich mich auch schon dazu geäussert: Starkregen-Abflussberechnungen Wäschbach. Dies war zwar schon vor fast 6 Jahren, ist aber bis heute noch nicht in den Wiesbadener Zwilling eingeflossen.
Zürich
Schauen wir einmal ausserhalb der deutschen Grenze, schauen wir uns einmal Zürich an. Auch dort gibt es einen Digitalen Zwilling:Virtuell, dreidimensional, gratis: Die Stadt Zürich gibt ihr 3-D-Stadtmodell frei
Die Stadt Zürich stellt ihren virtuellen Stadtplan ab sofort gratis und frei zur Verfügung. Das hilft Planern und Architektinnen, bietet aber auch viele Möglichkeiten für Nachbarn eines Neubauprojekts und die Open-Data-Bewegung.
Quelle: Virtuell, dreidimensional, gratis: Die Stadt Zürich gibt ihr 3-D-Stadtmodell frei vom 12.11.2018, leider hinter einer Paywall.
Und so begründet die Stadt Zürich diese Aktion:
3D-Stadtmodell
Gleiten Sie aus beliebigen Blickwinkeln durch den digitalen Zwilling der Stadt. So lassen sich Gebäude, Bäume, Wälder und Brücken einfach visualisieren.
Quelle: Stadt Zürich 3D Stadtmodell
Und hier finden Sie dann das Modell: Zürich virtuell. So schaut es aus:
Nun war ich noch nie in Zürich und kann Ihnen deshalb keine Sehenswürdigkeit empfehlen. Also habe ich mir das Rathaus als Beispiel genommen, das sich im Zwilling so präsentiert:
Natürlich gibt es zu jedem Gebäude auch Zusatzinformationen:
Das sind mehr Informationen zu diesem Gebäude als dies der Wiesbadener Zwilling liefert. Selbst über innerstädtische Bäume können Sie Informationen abrufen:
Solche Informationen finden Sie in Wiesbaden nicht.
Auf einen weiteren Aspekt dieses Digitalen Zwillings möchte ich Sie hinweisen: Sie können die Daten, die diesem Zwilling zugrunde liegen, selbst anfordern, ansehen und auf der Basis dieser Städtischen Informationen eine eigene Lösung bauen. Hier finden Sie den Hinweis dazu:
Produktebeschreibung 3D-Stadtmodell
Das digitale 3D-Stadtmodell von Geomatik + Vermessung ist flächendeckend über das gesamte Gemeindegebiet verfügbar.
Seit dem 1. Januar 2018 stehen die Daten des 3D-Stadtmodells kostenlos und zur freien Nutzung zur Verfügung (Open Government Data OGD) und stehen via Externer Link:Geoportal zum Download bereit.
Weitere Datenformate des 3D-Stadtmodells können über das Kontaktformular angefragt und bezogen werden. Die dabei anfallenden Aufwände werden in Rechnung gestellt.
Quelle: Produktebeschreibung 3D-Stadtmodell
Und genau dies habe ich im März 2025 gemacht, d.h. ich habe einen Datensatz angefordert. Am nächsten Tag erhielt ich eine Mail mit folgendem Inhalt:
Sehr geehrte/r Datenbesteller/in
Vielen Dank für Ihre Bestellung, welche erfolgreich bearbeitet wurde. Sie können die bestellten Daten während der nächsten zwei Tage über den folgenden Link auf Ihren Computer herunterladen: https://www.ogd.stadt-zuerich.ch/geoportal_download/e5cbXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX.zip
Für Ihr Feedback danken wir Ihnen.
Freundliche Grüsse
Stadt Zürich
Nach dem Download der verlinkten Datei1) fand ich darin eine Datei mit Namen bestellung.txt mit diesem Inhalt:
Sie haben folgende Bestellung aufgegeben:
Name des Geodatensatzes: Bauten - Kombinierte Darstellung heute
Name des Ausschnittes: stzh
Ausschnitt (falls definiert): 2676224.694, 1241584.105, 2689665.812,1254306.233
Zeitpunkt der Bearbeitung: 24.03.2025 - 14:07
Quelle: Datei bestellung.txt in der Datenlieferung
Dies alles ohne Nachfrage oder Probleme. Und in meinem Fall war dies kostenfrei. Das nennt man Open Data. Bitte erzählen Sie dies nicht den Stadtpolitikern in Wiesbaden.
Fazit
Es geht doch, man kann einen Digitalen Zwilling bauen, der nicht als abschreckendes Beispiel verwendbar ist. Und man kann in einem solchen Zwilling zusätzliche und nützliche Informationen unterbringen, wie des Darmstadt am Beispiel Starkregen gezeigt hat, Etteln zeigt dies sogar mit Live-Daten, und Zürich zeigt vernünftige Daten zu Gebäuden an.In Wiesbaden dauert das alles noch.
"Wo bleibt das Positive?"
Vor etwa 95 Jahren wurde diese Frage bereits gestellt. Erich Kästner hat sie so beantwortet:Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
»Herr Kästner, wo bleibt das Positive?«
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.
Quelle: Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?
Anmerkungen:
1) Die Datei hatte eine Größe von ca. 150 MB, entpackt waren dies dann ca.1,7 GB.





