Die Selbstdarstellung der Stadt Wiesbaden in der digitalen Welt ist schon etwas eigentümlich, um es höflich auszudrücken. Dieses Thema ist halt Neuland, um einmal Frau Merkel zu zitieren.
In meinem vorigen Text hatte ich bereits einige Sehenswürdigkeiten präsentiert, wie man sie in diesem "Digitalen Zwilling" der Stadt Wiesbaden findet. Das waren aber nicht alle, es gibt noch viele, viele solcher "Sehenswürdigkeiten" in diesem Zwilling zu entdecken. Diesmal präsentiere ich Ihnen einige Fehlfunktionen in dieser Software, und auch hier wieder ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Aber erst einmal möchte ich die Befürworter dieses Angebots zu Wort kommen lassen. So kündigt die Stadt Wiesbaden diesen Digitalen Zwilling an:
Wiesbaden startet mit urbanem Digitalen Zwilling in die digitale Stadtplanung
Mit dem Digitalen Zwilling lassen sich räumliche Veränderungen simulieren, Planungsprozesse visualisieren und komplexe Sachverhalte anschaulich darstellen. So können in Zukunft Auswirkungen von Bauvorhaben auf Schattenwurf oder Hochwasserrisiken untersucht, Verkehrsflüsse analysiert oder stadtklimatische Entwicklungen nachvollzogen werden. Auch individuelle Fragestellungen, etwa zur Eignung von Dachflächen für Solaranlagen, lassen sich beantworten.
Quelle: Wiesbaden startet mit urbanem Digitalen Zwilling in die digitale Stadtplanung
Aus dem Rathaus gibt es eine weitere Darstellung des Digitalen Zwillings:
Entdecken Sie die Stadt Wiesbaden im Internet
Im Internet gibt es eine Art Stadtplan von Wiesbaden.
Aber es ist kein gewöhnlicher Stadtplan.
Der Stadtplan kann viel mehr.
Er ist wie eine Kopie von Wiesbaden im Internet.
Der Name ist Urbaner Digitaler Zwilling.
Quelle: Entdecken Sie die Stadt Wiesbaden im Internet
Auf YouTube gibt es auch einen Film, in dem dieser Zwilling dargestellt wird:
Auch die Stadträtin Frau Koohestanian hat sich auf Facebook dazu geäussert: Kennt ihr schon den digitalen Zwilling unserer Stadt? Sie mögen Facebook nicht? Oder Sie haben keinen Account auf Facebook? Dem Link können Sie trotzdem folgen und sich die Präsentation von Frau Koohestanian ansehen. Sie müssen einfach die Fragen und Aufforderungen wegklicken.
Genug der Erfolgsmeldungen. Ich will nachsehen, was es mit diesem Angebot auf sich hat. Schauen wir es uns doch einfach an und bitte folgen Sie mir dabei auf dieser Reise durch diesen Digitalen Zwilling der Stadt Wiesbaden. Bei meinem letzten Text (siehe: Besuchen Sie Wiesbaden) hatte ich Ihnen einige der "Sehenswürdigkeiten" von Wiesbaden gezeigt, in Bildern. Diesmal wird es mehr Text und weniger Bilder geben.
Stichproben
Sie haben die Ankündigungen gelesen. Glauben Sie das alles, was da verkündet wird? Ich finde, man sollte solche Aussagen einfach nachprüfen, und sei es auch nur in Stichproben. Also beginnen wir unsere Expedition in diesen Digitalen Zwilling: Wir beginnen mit dem Aufruf der Internetseite mit dem Zwilling:Schauen Sie sich doch einmal das Haus an, in dem Sie wohnen. Auf der Seite des Zwillings können Sie in die Karte rein zoomen, die Ansicht drehen, den Blickwinkel ändern usw., bis Sie Ihr Haus gefunden haben. Aber es gibt auch eine Suchen-Funktion, erkennbar am Lupen-Symbol. Hier geben Sie Strassennamen und Hausnummer ein. Bitte achten Sie darauf, daß Sie den Namen korrekt eingeben, denn Schreibfehler verzeiht Ihnen das System nicht. Lediglich auf Groß- oder Kleinschreibung brauchen Sie nicht zu achten. Danach zoomt die Software auf die gewünschte Strasse und Sie können sich das Haus ansehen.
Nach Ihren Eingaben tut sich nichts? Kein Problem, denn auf dieser Seite gibt es eine zweite Suchen-Funktion. In einem solchen Fall verwenden Sie bitte diese.
Es dauert, es ruckelt? Sie brauchen schon einen leistungsfähigen Computer, um mit diesem Zwilling zu arbeiten. Bei meinem Computer läuft der Lüfter an, wenn ich die Seite mit dem Zwilling aufrufe. Normalerweise ist der Computer leise, denn der Lüfter ist aus, aber beim Zwilling läuft der Lüfter los. Da muß die CPU wohl was arbeiten. Und mein Computer ist nicht der langsamste. Ihr Computer hat eine geringere Rechenleistung? Dann fassen Sie sich bitte in Geduld. Und manchmal geht auf dieser Seite nichts, dann ist das halt so. Oder die Software verliert die Orientierung und Sie landen irgendwo. Das ist doch jedem von uns schon mal passiert, daß man sich verirrt und die Orientierung verliert, warum auch nicht mal einem Computer. Ist doch nur menschlich.
Wie sieht Ihr Haus denn nun aus? Wie wird es dargestellt in diesem Zwilling? Ist das Dach noch drauf oder schon heruntergefallen? Sind die Fenster alle da? Oder ist Ihr Haus sanierungsbedürftig? In meinem letzten Text hatte ich am Ende das Haus abgebildet, in dem ich wohne, d.h. ich hatte ein Bild präsentiert, wie dieses Haus im Zwilling dargestellt wird. Ob das Haus noch sanierungsfähig ist?
Laut Zwilling ist die Bausubstanz in der Stadt Wiesbaden ein Sanierungsfall. Überall.
Schummerung
Auf der linken Seite des Bildes gibt es ein Menü. Dort können Sie Informationen ein- und ausblenden. Dort bin ich auf das Wort Schummerung gestossen. Ein Begriff, der mir erst einmal nichts sagte, weshalb ich dann Wikipedia befragte:Eine Schummerung ist eine Flächentönung, mit der in der Kartografie ein räumlicher Eindruck der relativen Höhenunterschiede des Geländes erzeugt wird. Die Schattierungen entstehen meist durch die Beleuchtung mit einer imaginären Lichtquelle.
Quelle: Schummerung in der Wikipedia
Den Effekt kannte ich, den Namen aber nicht.
Schalten Sie bitte diesen Effekt im Zwilling einmal ein, dann sehen Sie nach einigen Sekunden diesen Effekt der Schummerung. Nun schalten Sie bitte wieder zurück, indem Sie das Häkchen entfernen. Sie sehen, Sie kommen nicht wieder zurück. Hier möchte ich Ihnen diesen Effekt (d.h. Schummerung ein und danach wieder aus) am Beispiel des Rathauses zeigen:
| Verschiedene Darstellungen des Rathauses1) | ||
|---|---|---|
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| ursprüngliches Bild | Schummerung eingeschaltet | und danach wieder ausgeschaltet |
Und plötzlich steht das Rathaus auf einer Landkarte von Wiesbaden.
Internetadressen
Gerne hätte ich bei meinem vorigen Text die jeweilige Internetadresse zu den Bildern angegeben, damit Sie direkt die entsprechende Stelle aufrufen können. Sie hätten somit überprüfen können, ob meine Darstellungen korrekt sind. Sonst denken Sie noch, ich würde Fake News verbreiten oder hätte Bilder mit Unterstützung einer KI erzeugt. Grundsätzlich geht eine Angabe von Internetadressen in solchen Karten- oder Bilddarstellungen. Dies geht praktisch überall, aber leider nicht auf der Seite des Zwillings der Stadt Wiesbaden. Hierzu zwei Beispiele:Schauen Sie doch einmal bitte hier:
Gehen wir zu einem professionellen Anbieter, zu Google. Und hier kommen Sie auf Google Maps direkt zur Karte von Wiesbaden:
Beim Zwilling von Wiesbaden erhalten Sie immer diese Adresse, egal welche Stelle Sie aufrufen:
Privatleute können dies (siehe Luftdaten), Profis können dies (siehe Google Maps), die Stadt Wiesbaden kann es nicht.
Parkhäuser
Auch für Bürger mit Auto bietet der Zwilling etwas:Auch Daten für Verkehr und Infrastruktur können abgerufen werden. So ist es möglich, Parkhäuser zu finden, inklusive der aktuell freien Stellplätze, Bewohnerparkgebiete, Standorte von E-Ladesäulen, Carsharing-Standorte und Radwege. „Heute machen wir einen großen Sprung, was die grafische Aufbereitung und Veranschaulichung dieser Informationen angeht“, sagte Kowol.
Quelle: Wiesbaden hat nun einen Zwilling - Artikel in der FAZ vom 9.7.2025, S. 2
Schauen wir uns doch einmal solch eine Anzeige im Zwilling an:
Die Zahl der freien Stellplätze wird angezeigt, aber was sollen die leeren Zusatzinformationen?
Auch so etwas finden Sie im Zwilling:
Ich bewerte diese Informationen als nicht sehr hilfreich.
Auch im Ansatz bereits geht diese Darstellung an der Sache vorbei. Angenommen, Sie kommen als Auswärtiger nach Wiesbaden, mit dem Auto. Wissen Sie dann, daß im Zwilling die Parkhäuser mit freien Kapazitäten angezeigt werden? Und wissen Sie, wo Sie diese Informationen finden? Sie stellen sich dann mit dem Auto an den Strassenrand und suchen diese Information in Ihrem Smartphone? Wirklich? Und dann fehlt Ihnen als Auswärtigem noch die Navigationsfunktion, oder kennen Sie sich als Auswärtiger so gut aus in Wiesbaden, daß Sie jetzt mit dem Auto den Weg ins Parkhaus finden?
Zusatzinformationen
Nicht nur zu Parkhäusern, zu allen Gebäuden können Sie zusätzliche Informationen abrufen. Einfach auf ein Gebäude klicken und es erscheinen die zusätzliche Informationen zu diesem Gebäude. Hier möchte ich Ihnen einige Beispiele zeigen:| Zusätzliche Informationen zu Gebäuden1) | ||
|---|---|---|
![]() |
![]() |
![]() |
| Ministerium für Wissenschaft und Forschung in der Rheinstrasse |
Rathaus | Museum Reinhard Ernst in der Wilhelmstrasse |
Ich hoffe, Sie können mit diesen im Zwilling zu den Gebäuden zusätzlich angezeigten Informationen etwas anfangen.
Kosten
Die Entwicklung von Software kostet Geld, keine Frage. Herauskommen kann gute oder schlechte Software, für viel oder wenig Geld. Wieviel Geld hat die Stadt Wiesbaden für dieses Projekt ausgegeben? Dazu möchte ich aus der FAZ zitieren:Das ist nur eine der vielen Anwendungsmöglichkeiten, die der neue digitale Zwilling der Landeshauptstadt bietet. Auf dem Weg zur Smart City ist die Stadt damit einen großen Schritt vorangekommen.
Vom Land Hessen hat sie dafür rund 1,74 Millionen Euro an Fördergeld erhalten, die Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU) an Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) übergab. Damit unterstützt die Landesregierung die digitale Transformation in Wiesbaden insgesamt mit rund vier Millionen Euro.
Quelle: Wiesbaden hat nun einen Zwilling - Artikel in der FAZ vom 9.7.2025, S. 2
1,7 Millionen hat das Land Hessen dafür gegeben, die Stadt Wiesbaden hat aus Ihrem Haushalt auch einen Betrag dazu gegeben. Und das kommt dabei heraus.
Open Data
Könnte jemand anderes das besser machen als die Stadt Wiesbaden? Grundsätzlich ja, aber dazu müsste die Stadt Wiesbaden die Daten, auf denen der Zwilling basiert, freigeben, d.h. die Stadt Wiesbaden müsste diese Daten zum Download zur Verfügung stellen. Natürlich kostenlos, denn wenn Sie oder ich auf der Basis der Daten eine bessere Lösung entwickeln und zur Verfügung stellen, dann würden Sie oder ich für die Stadt Wiesbaden arbeiten. Und Sie oder ich sollen dafür auch noch Geld bezahlen?Das Konzept dahinter nennt sich Open Data. Aber dieses Konzept ist in der Stadtpolitik in Wiesbaden nicht sehr beliebt. Man hat ja dann keine Kontrolle mehr über das, was damit gemacht wird.
OpenStreetMap
Eines der grossen Projekte im Internet ist OpenStreetMap:OpenStreetMap (OSM) ist ein freies Projekt, das frei nutzbare Geodaten sammelt, strukturiert und für die Nutzung durch jedermann in einer Datenbank vorhält (Open Data). Diese Daten stehen unter einer freien Lizenz, der Open Database License. Kern des Projekts ist also eine offen zugängliche Datenbank aller beigetragenen Geoinformationen.
Aus diesen Daten können sowohl freie als auch kommerzielle Landkarten erstellt werden. Die auf der Projekt-Webseite gezeigten, rein aus eigenen Daten erstellten Karten sind Beispiele dafür. Die Daten können weiter kostenfrei in Druckerzeugnissen, auf Websites oder auch für Anwendungen wie Navigationssoftware sowie für Routenplaner genutzt werden, ohne durch restriktive Lizenzen beschränkt zu sein. Die OpenStreetMap-Lizenz legt fest, dass bei jeder Nutzung der Daten auf OSM als Datenquelle hingewiesen werden muss. Wer abgeänderte Datensätze verbreitet, muss sein Werk unter die gleiche Lizenz stellen.
Quelle: OpenStreetMap in der Wikipedia
Hier sehen Sie die Karte von Wiesbaden, erstellt in OpenStreetMap: Karte von Wiesbaden.
Sie sehen, die Stadt Wiesbaden nutzt im Rahmen von OpenData die Daten des Projekts OpenStreetMap, was sie darf. Aber stellt sie die unter Verwendung von Daten aus OpenStreetMap erstellten Daten auch zur weiteren Verwendung zur Verfügung?
Im Digitalen Zwilling können Sie die Verwendung von OpenStreetMap ausschalten, aber dann sieht die Stadt Wiesbaden auch schon einmal so aus:
Sie sehen, man braucht die Daten von OpenStreetMap im Zwilling.
Probleme
Vor einigen Tagen konnte man die Seite nicht aufrufen. So sah dies dann aus:Und so nach 10 Minuten habe ich dann abgebrochen. Wen man eine solche Seite abschaltet, dann kann man auch eine Seite mit einem Hinweis (bitte mit guter Begründung) vorschalten. So wartet man und wartet und wartet, schimpft auf das Internet, den Internet-Provider, den eigenen Computer, ..... wo doch eigentlich die Stadt Wiesbaden das Problem verursacht hat. Bei Strassenbaumaßnahmen stellt die Stadt ja auch Schilder auf, meistens.
Fazit
Soviel Geld für solch eine Software? Schade um das Geld. Damit hätte man auch was Vernünftiges machen können. Hier in Wiesbaden gilt also weiterhin: Avanti Dilettanti!Google KI meinte dazu:
Nachtrag
Zum Abschluß der Seite möchte ich Ihnen doch noch ein Bild zeigen. Das fand ich auch auf dem Zwilling:Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus dem Zwilling, die Autobahn A66 bei Erbenheim. Ob der LKW die Böschung hochkommt? Ich bin mir sicher, daß im LKW ein Profi am Steuer sitzt.
Anmerkungen:
1) Klicken Sie bitte einmal auf eines der Bilder. Dann erscheint das Bild in groß











